Der Analphabet im Vertragsrecht

Dissertation: Der Analphabet im Vertragsrecht, Jan Holter, Hamburg 2012, 312 S., 88 €

Rezension in Alfa-Forum Nr 79, 2012 von Peter Hubertus

Es werden viele Fragen geklärt, die im Zusammenhang  unzureichende Lese- und Schreibkenntnisse und Vertragsrecht auftreten können (Handy, Schulden, Abos  etc.)

Zitat aus der Rezension: „….  Falls die Leseunfähigkeit ausgenutzt wird, z.B. durch absichtlich komplizierte Formulierungen, ist ein unterzeichnetet Vertrag unwirksam bzw.   anfechtbar. Ähnlich gelagert ist der Fall, wenn sich ein funktionaler Analphabet über den wahren Vertragsinhalt irrt oder sich darauf verlässt, dass die mündlich vereinbarten Vertragsinhalte auch dem schriftlichen niedergelegten Text entsprechen – dies aber nicht der Fall ist – und er diesen mit seiner Unterschrift versieht.
Weiterhin wird diskutiert, inwiefern ein auf Legasthenie oder eine andere anerkannte psychische Krankheit zurückzuführender Analphabetismus als seelische Behinderung zu werden ist und in der folge das Betreuungsrecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs auf leseschwache Erwachsene anzuwenden ist. Aber selbst bei Bestellung eines gesetzlichen Vertreters bliebe auch ein Analphabet rechtlich handlungsfähig.   …..
Arbeitgeber dürfen daher beispielsweise einen Bewerber nicht allein auf Grund einer entsprechenden Leseschwäche ablehnen, wenn die angestrebte Position keinerlei Lesekenntnisse erfordert. … „

Grundbildung: Lesen lernen kann man auch am Arbeitsplatz

  • Gerade Geringqualifizierte benötigen individuelle Weiterbildungsangebote, Interview mit dem Wissenschaftlichen Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, Prof. Dr. Josef Schrader.   hier bei bildungsklick
  • Fast jeder fünfte Erwerbstätige in Deutschland hat keine Berufsausbildung, viele von ihnen verfügen nicht mal über einen Schulabschluss – und können daher im Job meist nur einfache manuelle Tätigkeiten verrichten. Spezielle betriebliche Weiterbildungsangebote, die die Defizite von Geringqualifizierten abbauen helfen, gibt es bislang kaum, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) festgestellt.
    Pressemitteilung 23/27. Juni 2012  Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW)

Die Betriebe in Deutschland sind zwar rührig, wenn es um Schulungen und Kursangebote für ihre Mitarbeiter geht: Im Jahr 2010 führten mehr als 80 Prozent der Firmen formelle oder informelle Weiterbildungen durch. Doch an solchen Qualifikationsmaßnahmen beteiligen sich überwiegend gut ausgebildete Beschäftigte – nur rund 7 Prozent der Erwerbstätigen, die 2010 an einer betrieblichen Weiterbildung teilnahmen, hatten keine Berufsausbildung. Vorrangig konzentrieren sich die Angebote der Unternehmen in der Regel auf die Vermittlung betriebsrelevanter Kenntnisse. Eine Befragung von rund 1.100 Unternehmen ergab allerdings, dass mit Blick auf den Fachkräftebedarf 30 Prozent der Unternehmen durchaus gewillt wären, Geringqualifizierten am Arbeitsplatz Mindestkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Wenn dieses „Nachsitzen“ staatlich gefördert würde, wären sogar 36 Prozent der Betriebe dazu bereit.

Grundbildung und Beschäftigungsfähigkeit von Geringqualifizierten: Betriebliche Anforderungen und arbeitsmarktpolitische Rahmenbedingungen (Helmut E. Klein / Sigrid Schöpper-Grabe, Juni 2012)

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